KU 25 besetzt!

Den Montagmorgen im Leben eines Studenten stellen sich viele Nicht-Akademiker meist wie folgt vor: Ausschlafen bis 12 Uhr. Völlig verkatert bis 16 Uhr frühstücken und ggf. für eine Veranstaltung um 18 Uhr an die Uni gehen. Doch davon ist in unserem Leben als BWL-Studenten des 5. Fachsemesters keine Spur. Punkt 7 klingelt der Wecker. Schnell springt man unter die Dusche, verzichtet auf ein ausgiebiges Frühstück und erkämpft sich einen Platz im völlig überfüllten Linienbus, um pünktlich 8 c.t. (studentische Pünktlichkeit, you know) weisen Worten zu Kasse- und Terminzinssätzen zu lauschen. Doch gewöhnlich ist dieser Montagmorgen, an den man sich aus den vorangegangenen Semestern schon gewöhnt hat, heute beileibe nicht.

Schon einige Meter vor den heiligen Hallen betriebswirtschaftlicher Bildung ragen Banner mit Aufschriften wie „Kupferbau besetzt“ oder „Bildungsstreik“ in die Höhe. Das Innere des Gebäudes erinnert demnach mehr an eine Mixtur aus Alt-68ern und politischen Aufständen in ehemaligen Sowjetteilrepubliken Ende der Achtziger. Die Details dieses Bildes überlasse ich euerer Fantasie. Seit vergangenem Donnerstag belagert eine Gruppe (im Jargon nennt man das ja gerne Arbeitskreis) von Studenten den größten Saal des Hörsaalgebäudes, Kupferbau 25 (kurz: Ku 25), um gegen Studiengebühren, schlechte Lehre, überfüllte Hörsäle und dergleichen zu protestieren. Dabei wird selbstredend zu einem Dialog mit allen Studenten aufgerufen, um die Situation, die bereits in Österreich und einigen anderen Universitätsstädten in Deutschland zu „Streiks“ geführt hat, zu analysieren.

Aha. Ich als an sich zufriedener, wenn auch gerne mal die Machenschaften seiner Fakultät kritisch hinterfragender BWL’er soll mich also dieser streikenden Horde anschließen? Berechtigter Einwand in Form einer Gegenfrage: Wozu? Wie in der um 8:15 beginnenden Vorlesung unweigerlich zu sehen ist, gibt es keinen überfüllten Hörsaal: Gut 40 Studenten auf mehr als 100 Plätzen. OK, es gab Zeiten, in denen es knapp war und der ein oder andere Zuspätkommer auf dem Gang Platz nehmen musste. Aber, dies ist definitiv als Ausnahme anzusehen. Mancher Dozent würde dies gar als gerechte Strafe auffassen. Eine Vorlesung beginnt c.t. – keine Minute später. Würde man es wagen, in ein Meeting mit dem Vorstand zu spät zu kommen? Wohl nicht. Zumal: Verbindet die Öffentlichkeit nicht seit Jahren solch ein Zustand mit DEM Studieren? Die Anglistikstudenten wettern, dass für 700 Leute kein Platz in einem Tübinger Hörsaal ist. Das mag sein, die Lösung des Problems findet sich jedoch im zweiten Satz des widerspenstigen, der die aktuelle Situation beschreibt: Der Rest nimmt an der Vorlesung mittels Videokonferenz teil. Wo ist also das Problem? Diese Praxis ist bspw. in St. Gallen, der Top-Universität für BWL, Gang und Gebe. Andererseits: Würde man den Studiengang auf die maximal verfügbaren Plätze im Hörsaal beschränken, kämen die ersten Kleingeister auf die Idee, einen Streik anzuzetteln, da es beinahe unmöglich ist, einen Platz im Fach der Anglistik in Tübingen zu ergattern.

Aber hauptsache das ganze funktionierende System bestreiken und in Frage stellen. Aus aktueller Affinität zum Thema Steuern wird deutlich, dass die breite Öffentlichkeit ein funktionierendes, in seiner Gerechtigkeit kaum zu übertreffendes System als „unnütz“ deklariert. Die Kritik an der akademischen Ausbildung ist kaum anders zu bewerten. Es verwundert daher auch niemanden, dass die Gruppe der Streikenden, ähm, der Arbeitskreis, vornehmlich das (ich gebe zu recht vorurteilsvolle) Bild des klassischen Lehramtstudenten charakterisiert. Vergeblich wird ein Gegenwert zu den jedes halbe Jahr anfallenden 602 € an Studiengebühren gesucht. Was erwartet ihr? Freibier für alle? Zum einen können 602 € ein klares Zeichen dafür sein, sich die Wahl eines Studiengangs ganz genau zu überlegen. Zum anderen sehe ich in der zunehmenden Zahl an Übungsgruppen, einer modernisierten und in Beständen zulegenden Seminarbibliothek ganz genau, dass das Geld zumindest nicht vollends in unnütze, nicht erkennbare Projekte fließt. Schaut doch einfach ins Ausland, wo ein halbes Vermögen für ein Semester Studium aufgebracht werden muss. Dagegen fahren wir alle in Deutschland sicher nicht so schlecht. Umgerechnet 100 € pro Monat, um sich eine Ausbildung zu sichern, die einem einige Tore im Leben aufstoßen kann. Es gibt Investitionen mit schlechteren Renditechancen.

Ohne einen Blick zu würdigen, begebe ich mich in meinen Hörsaal und lerne lieber Methoden, die mir Ende Februar beim Bestehen der Klausuren helfen… für diese hilft mir ein Streik meiner eigenen Bildung auch nicht!

3 Kommentare bis jetzt

  1. Stefanie Falk on

    Hier in Karlsruhe wurde auch zum Streik aufgerufen, nur leider wusste bis gestern Abend um fünf fast niemand davon. In Anbetracht der zugehörigen Internetseite, sehe ich auch davon ab an solch einer Aktion teilzunehmen. Sollte man nicht, wenn man schon an einer Uni studiert, wenigstens einen geraden Satz in gutem Deutsch schreiben können?
    Bin mal gespannt, ob das Audimax tatsächlich besetzt wurde.

  2. Tobias R. on

    Dem ist meiner Meinung nach nichts hinzuzufügen.
    Grüße aus dem ebenfalls bestreikten und vor “Arbeitskreisen” geradezu wimmelnden Heidelberg

  3. Sabine on

    Lehramtsstudenten schreibt man übrigens mit Doppel-S!!!


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